Fragen nach Robert Musil

Stichworte zu seiner Biographie

«Er ähnelte Re», heißt es in einer Notiz Musils urn I 905. Re.? Es schien keinen Schlüssel dafür zu geben, allenfalls Vermutungen. Re., so ging der Satz weiter, «der... Rob. [erts] Verhältnis zu seiner Mutter verdirbt». Es sind die frühen Skizzen. Robert wird später Hugo, der Geliebte Tonkas im letzten Stück der Drei Frauen, schlieblich Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften. Auch Re. deutet auf Tonka hin, auf den «Oberfinanzrat» und «Dichter» Hyazinth: «Er war nicht wirklich ein Verwandter, sondern ein Freund beider Eltern, einer jener Onkel, welche die Kinder vorfinden, wenn sie die Augen aufschlagen ... Er brachte der Mutter den Hauch von Geist und Welterfahrenheit, der sie in ihren seelischen Entbehrungen tröstete ... » Wie ein Gegenstück dazu liest es sich, Ende 38 / Anfang 39, in der Ziffer 94 zur «Autobiographie»: «Sie hat meinen Vater geschätzt, aber er hat nicht ihren Neigungen entsprochen, die anscheinend in der Richtung des männlichen Mannes gegangen sind.» Assoziationen bot auch sch'on das Tagebuch Anfang der zwanzigerjahre, und von dort ging es wieder zurück zu einem anderen Vermerk von I 905. Der Name «Heinrich» taucht da auf, vertraut, selbstverständlich, doch nie wirklich faßbar. Ein Freund der Familie, ein entfernter Verwandter? Er war dabei, als die Mutter starb, schildert dem Sohn die letzten Tage: «Sie lie8 Heinrich I5mal hintereinander, immer zorniger den Polster umdrehn. Er macht nach, wie sie ihn anfletschte, ... und ist gerührt darüber.» Und dann ist da noch j ener rätselvolle Satz, wieder unter der Ziffer 94: «Ich will ihren [der Mutter] Wunsch erfüllen, nichts Schlechtes von ihr zu reden.»

Aufschluß, zwar völlig unbeabsichtigt, gab erst ein Brief aus Linz: Erinnerungen an die Eltern Musils; für die Briefschreiberin waren sic wie Onkel und Tante. Re. und Heinrich wurden darin plötzlich identisch: «Im Sommer auf 1918 war ich mit meinem Vater und dem Ehepaar Musil und Professor Reiter in Bad Aussec ... Wir unternahmen last alle Tage gemeinsame Spaziergänge und Ausflüge ... Professor Heinrich Reiter... war sehr befreundet mit dem Ehepaar Musil, er suchte mich auch ... nach dem Tode von Musi,Is auf. Er lebte in Grieskirchen (bei Wels), war ledig ... lch vermute..., daB Musils mit ihm öfters in Grieskirchen zum Sommeraufenthalt weilten.» Bemerkenswert ferner: «Alfred Musil [der Vater] war ein lieber, ruhiger, gütiger und vornchmer Mensch, seine Frau ebenso herzlich, aber viel temperamentvoller als ihr Gatte.» Das Pendant dazu in der «Autobiographie»: «... meine Heftigkelt, die allerdings ein Reflex der Heftigkeit meiner Mutter war ... » oder, wenige Sciten vorher: «Mein Vater war schr klar, melne Mutter war eigentümllch verwirrt. Wie verschlafenes Haar auf einem hübschen Gesicht.» Über Musil selbst berichtete der Brief aus Linz nur indirekt: «Robert Musil habe ich nie geschen. lch hörte nur aus den Erzählungen der Eltern, daB Musils ihren Sohn sehr liebten, daB er sehr viel sindierte, wenn ich mich recht entsinne, dreimal... [er] wollte vom Berufe <Zeit> - was mein Vater, ein schr lebendiger Kaufmann, absoluth nicht verstand.» Auch dazu die «Autobiographie», mit der 1937 begonnen wurde: «... und daß ich bis zum 30stenjahr nur meiner Ausbildung lebte, erschien mir ganz natürlich. lch bin kein angenehmer Sohn gewesen.»

In Wien stand ich auf einmal Walter, dem Freund Ulrichs, des Mann ohne Eigenschaften, vielmehr dem Modell zu ihm, gegenüber: Hofrat, pensionierter Bibliotheksdirektor, liebenswürdig, untersetzt, versonnen, erfüllt von der Erinnerung an die gemeinsame jugend. Sic reicht bis vor die jahrhundertwende, also bis Brünn, zurück. Beider Väter waren dort Professoren an der Technischen Hochschule, die Eltern durchjahre eng befreundet, sie wechselten, immer Tür an Tür, dreimal gleichzeitig die Wohnung. Vordem, in Steyr, war Alfred Musil (später Alfred von Musil) Direktor der Waffenfabrik (Tagebuch etwa 1920: «Autobiographischer Roman: ... Steyr ein sehr umsichtig gewählter Ort. Waffenfabrik - soziale Frage und Wettrüsten. Aufgeklärtes Haus, in dem man nichts glaubt und nichts als Ersatz dafür gibt.»): «... eine Stifter-Erscheinung. Naturliebend. Robert hatte die Poesie vom Vater.» Die «Mutter glaubte an ihn, an seinen Nachruhm», aber sie schenkte dem avantgardistischen Sohn Erzählungen Ernst Zahns. Zur Krise zwischen den Freunden kam es 1907, AnlaB war Ludwig Klages, dem «Walter» (der «Gustl» in Musils frühen Tagebüchern) noch bis in diese Nachkriegsjahre huldigte, waren die unvereinbar gewordenen Ansichten über Fragen der Kunst. Der Wagnerianer (des Romans) blieb der Musik ergeben, als Theoretiker, Lehrer, Komponist (Klavier- und Kammermusik, Kantaten); sic war Beruf und Lebenselement für ihn geworden, indes man Musil hätte «für amusisch halten können». 1907 übrigens war auch dasjahr der Heirat mit «Clarisse», der Tochter des Malers Hugo Charlemont; sie war auch im Leben - man weib es aus dem Tagebuch von 1910 o - labil, psychisch aufs äuberste gefáhrdet, «manisch-depressiv», «vernünftig» noch bis 1912, später lebte sie in Kärnten auf dem Lande, die Ehe war geschieden worden. In Wien hatten die Freunde und ihre Frauen, getreu der Tradition der Eltern in Brünn, noch einmal unter dem gleichen Dach gewohnt, im (unterdes etwas verschlissenen) Haus Nummer 6i in der Unteren WelBgerberstraBe im III. Bezirk, die Übersiedlung dorthin ist Ende November 1912 erwähnt: «Walters» Studio diente Martha Musil als Malatelier, in Berlin war sie Schülerin Corinths gewesen, eine «gute Impressionistin», ihre Stärke das Porträt, verschiedentlich, noch urn I930, zeichnete sie auch Robert Musil, doch (so einer der späteren Freunde) «sie gab urn seinetwillen alles auf».

Einmal ist ganz kurz, in einer schnell wieder beiseite gewischten Anspielung, von einer Art Katastrophe die Rede, die dem Jugendfreund noch nach fünfzigjahren als unbegreiflich und offenbar auch unverzeihlich gegenwärtig ist. Musil, so scheint es, schlug damals, als junger Mann, eine vielversprechende Bindung aus: ein in den Augen seiner engeren Umwelt verhängnisvoller Irrtum. Aber sonst sind es, im Rückblick auf die für immer unwiederholbar gebliebene Freundschaft, nur schmcichelhafte Bilder: fein, vornehm, humorvoll, gütig, er trug stets nur das Teuerste, das Beste war für ihn gerade gut genug - aber auch «reizbar», obzwar «nicht unduldsam».

Noch bei Johannes von Allesch, dem Weggefáhrten vor allem der Berliner Studienjahre, kaum eine Verschiebung der Akzente: mehr Sohn der Mutter, kein Sinn für die «Lebensstellung» («utopisch in ökonomischen Fragen»), Überlegungen zur Berufswahl f'ührten stets neu auf die Alternative «Wissenschaft oder Redaktion» («Walter»: «Beamter oder Literat»). Endlich, wie hei dem Freund der Brünner, der ersten Wienerjahre, die Erinnerung an die anscheinend ausschlaggebende Polarität (der nachmalige Göttinger Ordinarius für Psychologie hatte I902-04 als Student in München Wedekind, Korfiz Holm, Thoma nahegestanden, schrieb 1910 über Grünewald, 1921 über Wege zur Kunstbetrachtung, noch 1931 über Michael Pacher): Kein Verhältnis zur bildenden Kunst, pragmatistisch «<sehr konkrete Denkweise»), unglückliche Liebe zur Mystik. Nebenbei, schr plastisch, Information über eine Randfigur. In die Werknotizen von I 905 spielt, Gustl = Walter danach ebenso geläufigwie Allesch, ein Dr. Pfingst, «von Hause aus Altphilologe», hinein, einmal, 1907, auch als Pfungst, wie er auch hief3 (Oskar Pfungst), zu lesen. Dies nun der Steekbrief-. Pfungst, Oskar, Mediziner und Psychologe, «wohlhabend, übertrieben genau, komisch, rechthaberisch, unerträglich, studierte ewig, promovierte nie», zählte zum Kreis urn E. M. von Hornbostel, der mit Musils Berliner Lehrer Cari Stumpf die Sammelbände für vergleichende Musikwissenschaft edierte, schrieb ein Buch über den «klugen Hans», ein seinerzeit berühmtes «rechnendes Pferd», nach 1918 machte die Universität Berlin ihn zum Ehrendoktor, erteilte ihm sogar die Venia legendi, bald darauf, Anfang der zwanzigerjahre, Selbstmord.

Auch die Erinnerungen von Frau F. in Wien gehen bis in die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Franz Theodor Csokor berichtete schon einmal davon, durch ihn auch wurde ich ihr vorgestellt. Noch I 942, in einem Brief zweieinhalb Monate vor seinem Tod, beschäftigt Musil sich mit ihr. Als «das sanfte Fräulein Martha» (Csokor) setzte sic ihn einst in dem Erholungsheim «Helmstreitmühle» hei Mödling, ausdrücklich auf seinen Wunsch, zwischen den Generalobersten Karl von Pflanzer-Baltin (Tagebuch: « ... wie ich höre einer der ärgsten Blutgenerale») und den «rasenden Reporter», den militanten Kommunisten Egon Erwin Kisch (Csokor: «Er sprach lieber mit Pflanzer-Baltin über Artillerieprobleme als mit Kisch über die Revolution.»). Es war ein Asyl für jeweils vier bis sechs Wochen; Musil war mehrfach da. Die Hausherrin, Dr. Eugenie Schwarzwald (Musil: «Der Zeus von Tarnopolis»), Philanthropin, «Gründerin der ersten modernen Mädchenschule» in Wien, mit Karin Michaelis befreundet, schaffte dank guter Auslandsbeziehungen immer wieder Mittel und Geld für ihre Schützlinge heran.

In das Bild Musils, in den Wiener Gesprächen, drängen sich Kontraste, Widersprüche: Chevaleresk, gedämpft, kühl, stolz, verschlossen, eiskalt, vernichtend, scharf, Offizierston, mablos eitel, elegant, schr zivil, gepflegt, trug gut gebaute Anzüge (beste Schneider, beste Schuhe), diskret und distanziert, nie strahlend, wie ein Beamter, nicht unbestechlich, wenn er gelobt wurde, stand positiv zu Karl Schönherr, schätzte Franz Nabl (Der Ödhof), Haßliebe zu Werfel, Wildgans sein Todfeind, eine grobe, aber keine sympathische Persönlichkeit, unzugänglich, fühlte sich nicht genug anerkannt, hielt Leute fern und litt darunter, immer interessant, stolz auf seine Kriegszeit, machte lieber abfállige Bemerkungen als positive. Demgegenüber der eigene Eindruck von ein, zwei Stunden Endejanuar I 933 in Musils Berliner Quartier, einer Kurfürstendammpension unweit der Fasanenstrabe: ich erkenne nur wenige Züge wieder, keine Reminiszenz an irgendwelche Schärfen, urn so deutlicher das sehr gesammelte Gesicht, die Suggestion, die Disziplin.

Mehrmals, nachdrücklich, Auskunft über Hugo Lukács; das Tagebuch nennt ihn ab 1930, aber immer nur beiläufig, im Kreis von Kaffeehausfreunden, und Ostern I939, nach einer groben Pause, hält es unvermittelt die Nachricht von seinem Selbstmord auf der Durchreise in Paris fest. Lukács war Individualpsychologe; es bestätigt sich, daß er sich I 939 auf dem Weg nach Mexiko beland, das akute Motiv seines Freitods vermutlich Morphium. Musil konsultierte ihn in einer Periode seiner Arbeitshemmungen (« ... er konnte oft monatelang nicht arbeiten ... ging rastlos urn den Schreibtisch herum»). Es ist, so wie es die Freunde im Wien der zwanziger, der dreif31ger jahre schildern, immer die gleiche Situation. Die Wohnung Nr. 8 im Hause Rasumofskygasse 2o, gleichfalls im III. Bezirk (chemaliges Gesindehaus, über dreihundert jahre alt, heute unter Denkmalschutz, steinerne Wendeltreppe, drauf3en, von Stockwerk zu Stockwerk, der Wasserhahn, das emaillierte Waschbecken, der eingemauerte Speiseschrank), hatte keinen Flur, man ging durch eine Flucht von mehreren Zimmern, und ganz am Ende war der Arbeitsraum. In der Mitte der Schreibtisch, darauf wie ein Kranz ringsum die vielf'áltigen Fassungen der Manuskripte: «Hieronymus im Gehäus». Martha Musil «kapselte ihn ab», er wünschte es so, jedes Geräusch wurde als Einbruch empfunden. Doch auf der anderen Seite: er ging auch - es entspannte ihn - viel ins Kino, ins Rochuskino beim Rochusplatz («zeitweilig lieb er keinen Film aus»), oder man traf sich im Café, Musil nie dabei allein, immer mit seiner Frau (: sehr belesen, auberordentlich klug, ungemein unpraktisch), sic nahm ihm auch hier, soweit wie möglich, alle Schwierigkeiten ab, nie zahlte er, wenn sie wieder nach Hause gingen, das war ihr Amt.

Selten einmal ein dramatisches Moment: 1926 eine schwere Gallenoperation; Frühsommer I936 ein leichter Schlaganfall im Dianabad beim Donaukanal «<er wäre beinahe ertrunken»), Fechten, Tennis, das war zuerst selne Sportpassion gewesen, später Bergsteigen und Schwimmen (Crawlen); gelegentlich die Lesungen in der Volkshochschule am Ludo-Hartmann-Platz in Ottakring, «jedesjahr einmal» auch in Leopoldstadt, Ernst Schönwiese hatte dort mit einem Seminar über den Mann ohne Eigenschaften den Boden vorbereitet, die Hörer: Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose «<hier zündete Musil»); 1935, in Paris, in den Tagen des «Internationalen Schriftstelier - Kongresses für die Verteidigung der Kultur», brachte Klaus Pinkus ihn in einem Café mit Heinrich Mann zusammen, man blieb auf beiden Seiten sehr gemessen. Csokor: «Er war furchtbar einsam ... Er strömte Ironie und Kälte aus, man wubte nie, woran man hei ihm war.» Doch dann auch: Lente, die ihn ablehnten, interessierten ihn mehr als Bewunderer. Der Romancier George Saiko modifiziert es noch positiver: Er liebte die Diskussion, war nur unduldsam gegen Argumente aus zweiter Hand («aus anderen Wurzeln»). Singulär nimmt sich neben all dem die Zuneigung zu Fritz Wotruba aus, von der auch die Aufzeichnungen aus Genf berichten. Sie kannten sich schon von Wien her, vor 38. Der Bildhauer stand gerade erst am Anfang seines Weges, er war siebenundzwanzig jahre jünger. Musil kam oft zu ihm ins Atelier, sagte nicht viel, sah ihm bel der Arbeit zn. (Csokor: Seine Vorliebe für vitale Menschen.) Singulär aber auch der Kontakt mit Franz Zeis, einem hohen Beamten des Statistischen Bundesamtes, wie Musil Ingenieur, schr musisch, Anhänger Schönbergs. Er starb 1953, seine Frau, Valerie Zels, ebenfalls Malerin, hütete bis in diese jahre Reste von Musils Archiv. Oskar Maurus Fontana, einer der ersten Protagonisten: Als Musil (im Sommer 1938) in die Schweiz ging, vertraute er alles Zeis an. Offizieli war esja keine Emigration, die Wohnung wurde vorerst beibehalten, die Freunde kümmerten sich gemeinsam darum. Hin und wieder waren Bücherpakete, Manuskripte, Archivstücke nachgeschickt worden, schlie&szlich;lich blieb kein Ausweg mehr, es gab viel Mißgunst, Wohnraum war knapp. Wotrubas Schwester löste die Wohnung auf, lagerte die Bibliothek bei einer Spedition ein, ein Bombenangriff vernichtete dort alles. Daher wahrscheinlich so gut wie keine Handschrift von den Texten, die noch Musil selbst in Druck gab.

Fontana erlebte eine der Glanzzeiten Musils, war nahe beteiligt daran: die jahre im österreichischen Amt für Heereswesen. Schon 1918 / 1919 hatte ein Diplomat, ein Sozialist, ihn ins Presseamt des Außenministeriums zu ziehen versucht, er verlor aber an Einfluß, wurde im Sommer 1919 nach Moskau geschickt. Aber dieser «Gönner» empfahl Musil weiter. Im Heeresministerium richtete man, als Novum und als Experiment, das erste Bildungsamt der neuen Republik ein; es sollte «ausstrahlen», das angestrebte Ziel: ein «Reichsbildungsamt», Geld dafür war hinreichend verfügbar. Den drei politischen Fachbeiräten, die die Parteien, die Sozialisten, die Christlich-Sozialen, die Großdeutschen, steilten, wurde «als Ausgleich» ein wissenschaftlicher Fachbeirat beigesellt: es war eine eigens für Musil geschapene Position. «Präsidialist», gleichsam der Chef vom Dienst, war Theodor Körner, Generalstabschef Boroeviés an der Isonzofront, Sozialdemokrat, nach dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister von Wien, dann österreichischer Bundespräsident. Auch Musil, zuletzt Hauptmann der Reserve, hatte dem Stab des Feldmarschalls Boroevié angehört: als Leiter einer Armeezeitung, die aber «wegen ailzu freimütiger ÄuBerungen» (Allesch) eingestellt wurde, und Ende 1918 im Kriegspressequartier.

Der Posten im Ministerium war heikel, politisch diffizil, verlangte «diplomatische Meisterstücke», Musil hatte als Neutraler das letzte Wort, das Resümee. Hohes Ansehen bei den Offizieren; er war «Vertragsangestellter», kein Beamter, aber da als Stichtag für die Besoldung der Zeitpunkt rechnete, zu dem er einst die Kadettenschule verlassen hatte, bekam er mehr als ein Sektionschef, das höchste Oberstengehalt. «Entscheidende Eindrücke» für den Mann ohne Eigenschaften. Der General Stumm von Bordwehr -j eder der Wiener Freunde weist darauf hin - ist eine Erfahrung dieserjahre, es gibt indes kein nachweisbares Modell für ihn: «er war eine Kombination».

Ein gewisser, auch gesellschaftlicher Anspruch blieb anscheinend von dieser Zeit zurück. Fontana: «Er verlangte Sonderhonorare, war in Gelddingen schr wach.» Das gilt wesentlich für die jahre als Wiener Theaterrezensent der Prager Presse, des deutschsprachigen «Versöhnungsblatts» der tschechischen Regierung «<die tschechische Krone war Edelvaluta»), als Mitarbeiter der linksliberalen Wiener Montagszeitung Der Morgen oder des Tag mit seiner sechsten Scite, «auf höchstem Niveau», auf der man auch Polgar, Paris Gütersioh fand. Derjournalismus war aber nur ein Übergang (zu Csokor: «Ich kann das nicht mehr machen ... »); die literarische Arbeit absorbierte Musil bald ganz, nun wurde ein Mäzen weniger gesucht als erwartet oder vorausgesetzt. Fontana: Er hatte hier «Vorstellungen aus der Zeit vor I 914». Dies alles ist ein noch ziemlich offenes Kapitel. Anfang der dreibiger jahre, bis zur eigenen Emigration, half Pinkus (dem Gedenken an den Vater, den schlesischen Textilindustriellen Max Pinkus, gilt Gerhart Hauptmanns Einakter Finsternisse). Eine Weile Hoffnung auf eine «Ehrenpension» von der Gemeinde Wien. I 934 kam es zur Bildung des «Robert-Musil-Fonds»; in den Briefen an Pinkus ist darauf hingewiesen. Der Initiator, Dr. Bruno Fürst, Kunsthistoriker, «junger Industrieller», ging nach dem AnschluB nach Oxford. Vordem sprang angeblich ein GroBindustrielier aus Brünn ein. Fontana: «Er hatte immer Geldgeber.» Salko weib noch von einem Stammtisch im Café Parzival, er bestand aus sechs bis acht Personen, jeder spendete eine Zeitlang jeweils hundert Schilling, so schien allein auf diese Weise sechs- bis achthundert Schilling pro Monat zusammengekommen. Einmal, in einem ähnlichen Zusammenhang, fiel die Bemerkung: Man reichte es ihm wie auf einem silbernen Teller; er nahm es wie einen Tribut. Csokor: «Er hat seine Verbitterung genossen.» Saikos Schlußfolgerung: «Die sociologische Neurose des gehobenen Bürgertums.»

Zuletzt noch, I938, hatte sich Eugen Claassen um Musil bemüht. Er erzählte mir einmal von diesem Besuch, von dem «Schlauch» bis zur Arbeitsfestung, von den Bücherwänden, den ManuskriptstöBen, der verborgenen, völlig «eigenen Welt». Rudolf Brunngraber verbürgt, der Verleger aus Hamburg habe, f'ür mindestens zweijahre, ein Monatsfixum von rund sechshundert Schilling offeriert, doch unter einer Bedingung: er verlangte den Termin zu wissen, bis zu dem Der Mann ohne Eigenschaften beendet sein würde. Die Verhandlungen zogen sich hin, sie zerschiugen sich. (Der Reflex im Tagebuch, etwa Herbst 38: «In einem schweren Augenblick, wo ich innerlich nicht mit mir fertig wurde: ... Zerstörung der Verhandlungen mit Claassen ... ») Nun kam niemand mehr, der drängte. Brunngraber: lch war schon damals überzeugt, Der Mann ohne Eigenschaften würde niemals fertig. Er sollte die ganze Welt einfangen, aber der Plan war zu schmal angelegt. Agathe war nicht vorgeschen; Musil brauchte sic, «urn neuen Weltinhalt hereinzuholen». Als Reaktien auf das Fiasko mit Claassen ist dieses Fazit verständlich. Das heibt, mit Band zwei, mit Agathe, hatte in der Tat ein neuer Roman begonnen.

November 1959