Internationalismus
Türkische Rechtsextremisten (Graue Wölfe)
in der
Bundesrepublik
Todesopfer in Neumünster - deutsche
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aus ak (analys & kritik) Nr. 283
aus ak (analys & kritik) Nr.
283
Türkische
Nationalisten mit ihren Flaggen
Wir dokumentiern aus der Pressemappe des Demonstrations-
Vorbereitungskomitees zum Trauermarsch für Seyffetin Kalan einen Text zu den
"Grauen Wölfen".
Datum: Di 12.09.95
Ursprung: .CL.AKTUELLES.ALLGEMEIN
Die
"Grauen Wölfe"
I. Die Geschichte der "Grauen Wölfe"
Zur Analyse der historischen Wurzeln der "Grauen Wölfe" ist es
notwendig, die türkische Geschichte bis zur Bewegung der "Jungtürken" in der
Zeit der Jahrhundertwende und des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches
zurückzuverfolgen. Diese "Jungtürkische" Bewegung, in der Mustafa Kemal, der
spätere Gründer der Türkischen Republik, schon über entscheidenden Einfluß
verfügte, war bereits in ihren Anfängen vom großtürkischen Chauvinismus geprägt,
mit dem Bestreben, die Reste des "Vielvölkerknastes" des auseinanderbrechenden
Osmanischen Reiches zusammenzuhalten. Der Unabhängigkeitskampf der
nichttürkischen Völker wurde als Verrat am "gemeinsamen osmanischen Vaterland"
betrachtet. Das Ziel der "jungtürkischen" Führer war die Zangsassimilation aller
im Reichsgebiet lebenden Völker, d.h. die Türkisierung der Albaner, Armenier,
Araber, Bulgaren und Kurden. Nachdem die "Jungtürken" im Jahre 1908 die Macht
übernommen hatten, wurde bereits im Jahre 1909 die Organisationsfreiheit für
Minderheiten beseitigt und türkisch zur offiziellen Sprache in allen Schulen und
Verwaltungen erklärt.
Diese rassistische Politik der Zwangsassimilation
begünstigte die Verbreitung des Turanismus, "die Einheit aller Turkvölker von
Innerasien bis zum Balkan". Ziya Gölap, einer der "jungtürkischen" Turanisten
rief damals aus: "Vorn die Flagge, in der Hand das Bajonett, im Herzen Gott. Wir
wollen Herrscher über die Welt sein."
1908 gründeten die Turanisten die
heute noch existierenden nationalistischen Vereinigungen "Türk Ocagis", welche
mit allen Mitteln das "Reich Turan" ("die Wiege des Volkes und das Ursprungsland
der Rasse") ereichen sollten. Die "Türk Ocagis" hatten dabei folgende Aufgabe:
"Arbeiten an der nationalen Erziehung des türkischen Volkes, dem wichtigen
Bestandteil des Islamismus, an der Hebung seines intellektuellen, sozialen und
ökonomischen Niveaus, an der Vollendung der türkischen Sprache und Rasse."
Die Einheit der Reste des Osmanischen Reiches und damit die Grundlage
der Türkischen Republik bauen auf der Vernichtung ganzer Völker auf. Die
"Jungtürken" nutzten den Ausbruch des 1.Weltkrieges, an der Seite Deutschlands
stehend, dazu, den bereits vor dem Krieg ausgearbeiteten Plan zur Ausrottung der
"fremdländischen" Armenischen Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Von etwa 2
Millionen im Osmanischen Reich lebenden Armeniern blieben nicht mehr als 100.000
am Leben. Nachdem es in Kurdistan zu zahlreichen Aufständen gekommen war,
begannen die "Jungtürken" mit der planmäßigen Vernichtung des kurdischen Volkes.
Dieser fielen in den Jahren 1914 bis 1918 mehr als 700.000 Kurdinnen und Kurden
zum Opfer.
Die Niederlage des Osmanischen Reiches an der Seite
Deutschlands im 1.Weltkrieg besieglete sein endgültiges Ende und durchkreuzte
die Pläne zur vollständigen Vernichtung des kurdischen Volkes.
Jetzt
organisierte Mustafa Kemal das sogenannte türkische Bündnis, um die verbliebenen
Reste des Osmanischen Reiches mit den Besatzungsmächten England und Frankreich
aufzuteilen.
Der Turanismus war kein geeignetes Mittel, die Völker der
Region für den Kampf gegen die Kolonialmächte zu mobilisieren. Mustafa Kemal
sprach nicht mehr von der "türkischen Nation" sondern vom "islamischen Staat".
Nur hiermit gelang es ihm, die kurdischen Scheichs für den letztendlich
erfolgreichen Aufstand gegen die Kolonialmächte zu gewinnen.
Nach der
Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 wurde der Nationalismus wieder
zur herrschenden türkischen Staatsauffassung. Ziel war die Errichtung eines
nationalistischen völkischen Staates mit dem Herrschaftsinstrument des
Türkismus, der die Existenz aller anderen Völker negierte. 1923 wruden 300.000
Angehörige des Pontus-Volkes, einer griechischen Minderheit, massakriert. Im
Jahr 1924 wurden alle kurdischen Schulen, Vereinigungen und Publikationen
verboten. Von dort an existierten offiziell keine Kurdinnen und Kurden mehr.
Auf dieser Grundlage erlebte der Turanismus in den 30er Jahren als
Panturanismus, mit der Untertützung Nazi-Deutschlands eine Renaissance.
Hitlerdeutschland versuchte stets die Türkei an sich zu binden und nutzte dazu
die panturanistische Bewegung. Als Gegenleistung unternahmen die Panturanisten
den gescheiterten Versuch, die Türkei an der Seite des deutschen Faschismus
aktiv in den 2. Weltkrieg zu ziehen.
In den folgenden Jahren zog es die
geschwächte Bewegung vor, hinter den Kulissen für ihre Politik zu arbeiten. In
den 60er Jahren konzentrierte sich die faschistische Bewegung unter der Führung
von Alpaslan Türkes (dem noch heute amtierenden Vorsitzenden der
MHP/Nationalistische Bewegungspartei) darauf, die Jugend für die
panturanistische Ideologie zu gewinnen. Es wurden die ersten Kommandolager
gegründet, in denen Jugendliche eine militärische Ausbildung erhielten und einer
gezielten Gehirnwäsche unterzogen wurden. Nachdem die Kommandos aufgebaut waren,
wurde im Jahre 1969 die MHP (Millietci Hareket Partisi = Nationalistische
Bewegungspartei) gegründet. Zum Symbol der Partei wird eine Fahne mit drei auf
dem Rücken gekehrten Halbmonden, diese sind der Fahne der Okkupationstruppen der
osmanischen Besatzungsarmee entnommen.
In den Kommandolagern wruden bis
zu 100.000 Kommandoangehörige ausgebildet. Diese Kommandos erhielten dann den
Namen "Bozkurtcula" ("Graue Wölfe"), in Erinnerung an das Tier, das entsprechend
der panturanistischen Legende die letzten türksichen Stämme aus den Altai-
Gebirgen in Zentralasien geführt und damit gerettet hatte.
Ab 1968
begannen die türkischen Faschisten mit ihren Gewaltaktionen gegen die
erstarkende türkische Linke. Bis 1980 begingen die "Grauen Wölfe" mehr als 5000
Morde in der Türkei und Kurdistan. 1975 wurde die MHP zum Bündnispartner der
konservativen Gerechtigkeitspartei (AP) unter dem damaligen Ministerpräsidenten
und jetzigen Staatspräsidenten Demirel und damit Regierungspartei. Alpaslan
Türkes wurde stellvertretender Ministerpräsident und hatte damit volle
staatliche Rückendeckung für den organisierten Terror gegen die Opposition.
Nach dem Militärputsch 1980 wurde die MHP verboten, was sie aber nicht
daran hinderte unter anderem Namen ihre Politik fortzusetzen. Bis zu diesem
Zeitpunkt waren schon weite Teile des Militärapperates und der staatlichen
Verwaltung von MHP-Anhängern durchsetzt. Zur Hauptagitationsebene wurden
Moscheen und islamische Vereine auserkoren. Ihre Funktion die demokratische
Opposition zu terrorisieren war an die Militärjunta übergegangen. Ende der 80er
Jahre wurde das Verbot der MHP offiziell wieder aufgehoben.
II. Die Idelologie der "Grauen Wölfe"
Die Ideologie der MHP und ihrer Kommandoorganisation, den Grauen
Wölfen, basiert im wesentlichen auf drei Grundpfeilern:
1.
Nationalismus
Ausgangspunkt ist ein vom Panturanismus geprägter
Nationalismus. Dieser beinhaltet einen ausgeprägten Rassismus gegenüber allen
nichttürkischen Menschen, insbesondere gegen die Minderheiten im "eigenen" Land.
2. Antidemokratische Grundhaltung
Vordergründig wird von der MHP eine
antikommunistische Propaganda betrieben, die sich prinzipiell gegen alle
demokratischen Kräfte, wie z.B. Gewerkschaften und andere Verbände der
Arbeiterbewegung richtet.
3. Islam
Im Laufe der fast 30jährigen
Geschichte der MHP wurde die Frage der Religiösität in verschiedenen Phasen
unterschiedlich akzentuiert. Der Islam war in der Anfangszeit der
Parteientwicklung von den führenden Personen eher abgelehnt worden. Vielmehr gab
es eine Rückbesinnung auf die vorislamische Zeit mit ihrer schamanistischen
Religion. Die Bedeutung des Islams ist also für die MHP weniger eine religiöse
Frage, sondern leitet sich von ihrem Nationalismus ab. Es geht folglich darum,
inwieweit der Islam zur Konstituierung des "Türkentums" gehört. Hier kam es
schnell zu einer Umorientierung, da dieser Punkt stets umstritten war und das
schlechte Abschneiden der MHP bei den Wahlen, den Erfolgen der islamisch-
fundamentalistischen "Nationalen Wohlfahrtspartei" gegenüberstand. Zwar stand
der Nationalismus weiterhin im Vordergrund, jedoch gewann schließlich Anfang der
70er Jahre der Islam in der Parteipropaganda immer mehr an Bedeutung.
III. Zur Person Alpaslan Türkes
Alpaslan Türkes, der heutige "Führer" der faschistischen MHP,
spielte bereits in den 40er Jahren eine entscheidende Rolle in der
panturanistischen Bewegung. 1944 wurde er verhaftet, weil er als Kopf der
faschistischen Bewegung versucht hatte, die Türkei an der Seite des deutschen
Faschismus aktiv in den 2. Weltkrieg zu ziehen. In dem gegen ihn laufenden
Verfahren äußerte er sich wie folgt: "Ich betrachte es als Ehre, wegen
Turanismus und Rassismus verurteilt zu werden. Die Verwaltung des Staates durch
Menschen türkischer Rasse ist lebensnotwendig. Die in der Türkei lebenden
Nichttürken mit türkischer Staatsangehörigkeit sind Tscherkessen, Bosniaken,
Lazen, Araber, Kurden, sie sollte man in die Länder schicken, wo sie
hingehören."
Damit unterschied sich Türkes nicht von der vorherrschenden
Staatsauffassung. 1930 erklärte der damalige Justizminister Mehemet Esat: "Es
gibt in der Türkei mehr Freiheit als irgendwo in der Welt. Dieses ist ein Land
der Türken. Wer nicht rein von türkischer Herkunft ist, hat nur ein einziges
Recht in diesem Lande: Das Recht Diener zu werden, das Recht Sklave zu sein."
Bis 1958 war Türkes in der türkischen Militärmission in Washington tätig
gewesen und knüpfte hier enge Kontakte zum CIA und zum Pentagon. Im gleichen
Jahr besuchte er die Schule für Atom- und Nukleartechnik in der BRD.
Er
gehörte im Jahr 1960 zu den 32 Offizieren, die die damalige Menderes Regierung
stürzten. Nach dem Putsch wurde er zum persönlichen Sekretär des neuen
Machthabers, General Gürsel, ernannt. Dort versuchte er weiter hinter den
Kulissen seine panturistischen Ideen durchzusetzen. Türkes wurde aber bald,
zusammen mit 14 anderen, politisch kaltgestellt und in die türkische Botschaft
nach Neu-Delhi entsandt.
Nach seiner Rückkehr in die Türkei im Jahre
1964 konzentrierte er sich auf den Aufbau der MHP / "Graue Wölfe". Im zuge des
Verbotes der MHP im Jahre 1980 wurde im jegliche politische betätigung
untersagt. Trotzdem konnte er seine Rolle als faschistischr Hetzer weiterhin
wahrnehmen.
All das konnte ihn nicht daran hindern, eine Vielzahl von
offiziellen Besuchen in der BRD anzutreten, zuletzt am 26. November 1994 in
Sindelfingen.
IV. Die "Grauen Wölfe" in der
BRD
Die türkischen Faschisten begannen bereits Ende der 60er
Jahre damit, sich in der Bundesrepublik zu organisieren. Die Organisierung
erfolgte auf der Basis von Vereinen, die als "Türkische Gemeinschaften",
"Idealistenvereine" oder einfach als "Kulturvereine" bezeichnet wurden. Eine
MHP-Auslandsvertretung existierte offiziell seit 1973, inoffiziell aber bereits
Ende der 60er Jahre. Diese hatte, mit ihrer Zentrale in Ludwigshafen, in der BRD
in 40 Städten Zweigstellen.
Bereits 1970 ergab sich eine enge
Kooperation zwischen der faschistischen türkischen MHP und der faschistischen
deutschen NPD. Dieses belegt ein reger Briefwechsel zwischen beiden
"Parteiführern" Alpaslan Türkes und Adolf von Thadden. Während Türkes von der
"unbedingten Aktionseinheit der MHP mit der NPD" sprach, regte von Thadden einen
intensiven Jugendaustausch zwischen beiden Parteien an. Von Thadden ließ es sich
nicht nehmen, eine persönliche Einladung für Türkes auszusprechen, um so "über
die Probleme unserer Länder zu sprechen und nach Wegen gegenseitiger
Unterstützung zu suchen". Im Jahre 1977 bedankte sich Türkes wortreich für die
großzügige finanzielle Unterstützung der NPD für den Wahlkampf der MHP. Der
"Nationalistische Schülerbund" gründete 1980 eine sog. Aufbauorganisation zur
Erfassung in der BRD lebender türkischer Jungfaschisten. Die Waffenbrüderschaft
der deutschen und türkischen Faschisten war wieder hergestellt.
Die
Entwicklung der türkischen faschistischen Bewegung in der BRD ist untrennbar mit
der Situation in der Türkei und Kurdistan verbunden.
Nachdem die MHP,
daß Ende 1976 vom türkischen Verfassungsgericht gemäß des Parteiengesetzes
ausgesprochene Verbot von Auslandsorganisationen bereits im Vorgriff mit dr
Auflösung ihrer BRD-Organisationen am 28.07.1976 und einer Umstrukturierung in
sog. "unabhängige" Idealistenvereine unbeschadet überstanden hatte, wurde der
Terror gegen die türkische und kurdische Opposition systematisch ausgeweitet.
Die MHP-Idealistenvereine verübten zahlreiche Morde und Anschläge gegen
türkische und kurdische Linke. Das bekannteste Beispiel für diesen Terror ist
der Mord an dem Lehrer und Gewerkschaftler Celattin Kesim in West- Berlin am 5.
Januar 1980.
Zur besseren Koordination schlossen sich im Juni 1978 die
verschiedenen Vereinigungen zur "Föderation der demokratisch-idealistischen
türkischen Vereine in Europa/Türk-Föderation" zusammen. Die in Frankfurt a.M.
ansässige deutsche Untergrundorganisation ist die zentrale Schaltstelle der MHP
in der BRD. Zur 17. Jahreshauptversammlung der Türk-Föderatio kamen am 26.
November 1994 mehr als 10.000 Anhänger der MHP in Sindelfingen, unter der
Teilnahme des türkischen Botschafters zusammen.
V. Die "Grauen Wölfe" und der Krieg in Kurdistan
Die
faschistische MHP ist als ein Auftraggeber und Steuerungsinstrument der
staatlichen Todesschwadrone maßgeblicher Bestandteil des Spezialkrieges gegen
das kurdische Volk. Ein nicht unerheblicher Teil der in Kurdistan eingesetzten
Spezialeinheiten sympathisiert offen mit der MHOP. Ihre agressive,
nationalistische Propaganda ist entscheidender Faktor zur türkischen
Mobilisierung für den Krieg in Kurdistan. Der Krieg ist auf die Bühne der
internationalen Politik gerückt: Ankara und seine treuesten Verbündeten, allen
voran die Bundesrepublik geraten zunehmend unter politischen Druck. Sie müssen
erklären, warum sie alle Verhandlungsangebote der kurdischen Seite für eine
politische Lösung ablehnen und weiter auf eine militärische Karte setzen.
Folglich ist es eine logische Konsequenz, daß die MHP in einer Situation
in der das Regime in Ankara in Bedrängnis geraten ist, ihre Aktivitäten in der
BRD verstärkt. Die türkische Regierung hat mehrfach angekündigt, Regimegegner
auch im Ausland verfolgen zu wollen. Wer würde sich besser dazu eignen, den
Angriff gegen die kurdische Bewegung im Ausland zu führen, als die MHP, die
Spezialistin für Mord und Terror. In verschiedenen europäischen Staaten, u.a. in
Großbritannien, kam es in der zurückliegenden Zeit schon zu Mordanschlägen auf
Menschen, die den Nationalen Befreiungskampf des kurdischen Volkes unterstützen.
Mit dem MOrd an Seyfettin Kalan hat die Terrorwelle der "Grauen Wölfe"
nun auch die BRD erreicht.
Während die Bundesregierung kurdische Vereine
und Organisationen verfolgt und kriminalisiert, können sich die faschstischen
"Grauen Wölfe" ungehindert organisieren und ihren Terror verbreiten.
Aus: Le Monde diplomatique, 14.03.1997, Seite 6 (U.a. wöchentliche Beilage der TAZ
Von Martin A. Lee (*)
DIE islamistische Regierung der Türkei ist an allen Fronten in Schwierigkeiten geraten: anhaltend hohe Inflation, Auseinandersetzungen über die Frage des Säkularstaats, Spannungen mit Griechenland über die Zypernfrage. In Kurdistan erweist sich Regierungschef Necmettin Erbakan als ebenso unfähig wie seine Vorgänger, eine Lösung für eine Beendigung des Krieges zu finden, der schon Jahre dauert und den Staat immer teurer zu stehen kommt. Ein Autounfall hat kürzlich der erstaunten Öffentlichkeit vor Augen geführt, in welchem Ausmaß der Sicherheitsapparat, die extreme Rechte, die Mafia und die Regierungsmilizen, die gegen die Guerilla kämpfen, miteinander verstrickt sind.
In den vergangenen Wochen wurde in vielen türkischen Familien um Punkt neun Uhr abends das Licht ausgemacht und der Fernseher abgeschaltet, und man saß im Dunkeln, um gegen die Komplizenschaft der Sicherheitskräfte mit dem kriminellen Milieu zu protestieren. Ausgelöst wurde diese ungewöhnliche Art der Demonstration durch die erschreckenden Tatsachen, die nach einem Verkehrsunfall ans Licht kamen, der sich am 3. November 1996 etwa 150 Kilometer südlich von Istanbul ereignet hatte.
An diesem Tag fand man im Wrack eines Mercedes drei Tote: Hüseyin Kocadag, einen hochrangigen Polizeioffizier, der das Kommando über die Antiguerilla- Einheiten innegehabt hatte, Abdullah Catli, einen Mann, der untergetauvcht war, weil er wegen Mordes und Drogenhandels gesucht wurde, und seine Freundin Gonca Us, eine frühere Schönheitskönigin, die inzwischen bei der Mafia zum Mädchen für alles avanciert war. Der vierte Insasse des Wagens hatte den Unfall überlebt. Es war Sedat Bucak, ein kurdischer Kriegsherr, dessen Miliz im Sold der türkischen Regierung stand, um gegen die Guerilla der "Kurdischen Arbeiterpartei" (PKK) zu kämpfen.
Zunächst versicherte die Polizei, der Unfall habe sich bei der Überführung zweier kleiner Gangster in Polizeigewahrsam ereignet. Aber die am Unfallort sichergestellten Beweismittel zeigten, daß der flüchtige Verbrecher Abdullah Catli diplomatische Papiere besaß, die ihm von staatlichen Stellen ausgestellt worden waren, daß er mehrere Pistolen bei sich trug, dazu gültige Waffenscheine und nicht zuletzt sechs Ausweise auf lauter verschiedene Namen.
Als deutlich wurde, daß Catli von der Polizei nicht als Straftäter, sondern als Verbindungsmann behandelt worden war, mußte der Innenminister zurücktreten, und mehrere hochrangige Vertreter der Sicherheitskräfte, darunter der Polizeichef von Istanbul, wurden vom Dienst suspendiert. Abdullah Catli war als Mitglied der Führungsriege der "Grauen Wölfe" bekannt, einer terroristischen neofaschistischen Organisation, die Ende der sechziger Jahre gegründet worden war. Er hatte schon eine Karriere in verschiedenen Straßenbanden hinter sich, als er 1978 zum "zweiten Mann" in der Hierarchie der "Grauen Wölfe" aufstieg - doch im selben Jahr mußte er in die Illegalität abtauchen, weil er in die Ermordung von sieben Gewerkschaftsaktivisten verwickelt war.
Am 13. Mai 1981 machten die Grauen Wölfe weltweit Schlagzeilen, als eines ihrer Mitglieder, Mehmet Ali Agca, der zu den engsten Mitarbeitern von Abdullah Catli gehört hatte, ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte. Einige Monate später, in der Verhandlung gegen die vier Türken und drei Bulgaren, die in der Sache angeklagt wurden, gab Catli bei seiner Vernehmung als Zeuge zu, er habe dem Attentäter die Tatwaffe verschafft. Zuvor hatte er ihm bereits zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen, wo Ali Agca eine Strafe wegen der Ermordung des Chefredakteurs einer großen türkischen Zeitung absaß.
Auch zur türkischen Drogenmafia unterhielt Abdullah Catli enge Beziehungen. Die Grauen Wölfe, die selbst tief im Rauschgifthandel steckten, dienten Abuzer Ugurlu, dem Chef des Kartells, als Mittelsmänner.
Anfang der achtziger Jahre entdeckte der italienische Untersuchungsrichter Carlo Palermo, der in Trient Ermittlungen über den Waffen- und Drogenhandel zwischen Sizilien und Osteuropa führte, daß bedeutende Mengen an Präzisionsfeuerwaffen aus Nato-Beständen von Westeuropa in den Nahen Osten geschmuggelt wurden. Häufig wurde diese Ware mit Heroin bezahlt, das mit Hilfe der Grauen Wölfe und anderer Dealer nach Norditalien gelangte. Dort nahmen es die Handlanger der Mafia in Empfang, um es nach Nordamerika weiterzuleiten. Der sizilianische Drogenring, der damals die Vereinigten Staaten und Europa mit reinem Heroin überschwemmte, versorgte sich also primär aus der Türkei.
Wie ein Magnet zog dieser gewaltige illegale Handel die Geheimdienste beider Lager an. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die Firma Kintex in Sofia, ein staatliches Import-Export-Unternehmen, das sich auf den Waffenhandel spezialisiert hatte - und durchsetzt war von bulgarischen und russischen Agenten. So kam auch die Vermutung auf, die Verschwörung gegen den Papst sei vom KGB und seinen bulgarischen Helfern gesteuert worden, die wiederum enge Beziehungen zur türkischen Mafia unterhielten1. Aber die Kintex wurde auch von westlichen Geheimdiensten genutzt: Die CIA bediente sich dieser Firma, um die Contras in Nicaragua mit Waffen zu versorgen.
In seiner Aussage vor dem Gericht in Rom im September 1985 erklärte Abdullah Catli, der westdeutsche Geheimdienst BND sei an ihn herangetreten und habe ihm ein hübsches Sümmchen geboten, damit er den russischen und bulgarischen Geheimdienst in Zusammenhang mit dem Attentat auf den Papst bringe. Sechs Jahre später enthüllte Melvin A. Goodman, ein früherer Experte der CIA, daß seine Kollegen damals auf Weisung von oben ihre Berichte gefälscht hatten, um diesen Anschuldigungen Glaubwürdigkeit zu verleihen: "Die CIA besaß keine Beweise in dieser Sache" sagte Goodman am 25. September 1991 vor dem Geheimdienstausschuß des amerikanischen Senats. Aber die vermeintliche "bulgarische Piste" erfüllte ihren Zweck: Die UdSSR erschien wieder einmal als das Reich des Bösen, und die Aufmerksamkeit wurde von den Verbindungen zwischen dem amerikanischen Geheimdienst und den Rechtsextremisten in der Türkei abgelenkt.
Als die Schüsse auf den Papst fielen, hieß der Leiter der CIA-Außenstelle in Rom Duane Dewey Clarridge. Der Mann war zuvor in Ankara stationiert gewesen - in den siebziger Jahren, als die Grauen Wölfe eine Serie von Attentaten verübten, der Tausende türkische und kurdische Linke zum Opfer fielen. Sie wurden damals von der Antiguerilla-Organisation, einer Untergruppe der Abteilung für Sondereinsätze bei der türkischen Armee, geduldet und gedeckt. Die Abteilung, die ihren Sitz im Gebäude der amerikanischen Militärhilfe in Ankara hatte, wurde von amerikanischen Militärberatern ausgebildet und verfügte über Mittel aus dem Fonds der Militärhilfe. Ihre Aufgabe bestand darin, Untergrundschwadronen zu schaffen, die aus Zivilisten zusammengestellt waren. Diese Personen sollten unerkannt bleiben und erst im Falle einer sowjetischen Invasion in Aktion treten, um dann Sabotageakte auszuführen - solche Pläne gab es in allen Nato-Ländern2. In Wirklichkeit suchten sich diese Agenten allerdings sofort innenpolitische Ziele.
Emir Deger, ein ehemaliger Militärstaatsanwalt und Mitglied des Obersten Gerichtshofs der Türkei, bewies die Zusammenarbeit zwischen den Grauen Wölfen und den staatlichen Antiguerilla-Einheiten sowie deren enge Verbindungen zur CIA. Daß die geheimen paramilitärischen Gruppen auch eingesetzt wurden, um auf Mitglieder der extremen Linken Jagd zu machen und an Folterungen teilzunehmen, ist das Fazit dreier Bücher, die Talat Turkan, ein hoher Armeeoffizier im Ruhestand, zu diesem Thema veröffentlicht hat3. Die Serie politischer Gewaltakte, die 1980 zum Militärputsch in der Türkei führte, war also nicht zuletzt das Werk der Grauen Wölfe.
Unter den Bedingungen des Kalten Krieges blieb den Grauen Wölfen und ihrer legalen Vertretung, der "Partei der nationalen Aktion", keine andere Wahl, als sich auf eine unauffällige Zusammenarbeit mit der Nato und der CIA einzulassen. Die Organisation, an deren Spitze der Armeeoberst Alparslan Türkes stand, vertrat eine großtürkische Ideologie und verlangte im Namen der Neuerrichtung eines türkischen Reiches von der UdSSR die Rückgabe von Gebieten.
Mehr als vier Jahrzehnte lang spielte die Türkei eine wichtige strategische Rolle als das am weitesten vorgeschobene Bollwerk des Westens gegen den Ostblock, und der CIA kamen die Anhänger der großtürkischen Idee gerade recht, um das Aufbegehren der türkischen muslimischen Minderheiten in den Sowjetrepubliken zu schüren. Seit 1991 war diese Politik überflüssig geworden, den Grauen Wölfen hatte sie jedoch ermöglicht, Einfluß in Zentralasien zu gewinnen. Die Zahl der Kreuzfahrer des großtürkischen Reichs nahm in vielen der ehemaligen Sowjetrepubliken zu, einige Mitglieder der Organisation übernahmen Posten als Berater verschiedener Regierungen in der Region.
Nachdem er in den achtziger Jahren eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte (die ihm teilweise erlassen wurde), durfte Oberst Türkes seine politischen Aktivitäten wieder aufnehmen. 1992 reiste er ins unabhängige Aserbaidschan, wo er als Held gefeiert wurde. Er trat in Baku für den Präsidentschaftskandidaten der Volksfront, Abulfas Eltschibej, ein, der mit den Grauen Wölfen sympathisierte. Nach seiner Wahl berief Eltschibej Iskender Gamidow zum Innenminister, einen unberechenbaren Extremisten, der aus seiner Zugehörigkeit zu den Grauen Wölfen kein Hehl machte und offen für die Schaffung eines Großtürkischen Reichs eintrat, das den Norden des Iran einschließen und sich bis nach Sibirien, China und Indien erstrecken sollte. Gamidow wurde im April 1993 zum Rücktritt gezwungen, nachdem er Armenien mit einem Atomwaffenangriff gedroht hatte.
Abdullah Catli hatte inzwischen einige Jahre in einer Schweizer Haftanstalt verbracht, bis er 1990 floh und sich dem neofaschistischen Untergrund in der Türkei anschloß. Trotz seiner Verwicklung in den Anschlag auf den Papst wurde ihm von der Armee der Aufbau einer Todesschwadron übertragen, die im schmutzigen Krieg gegen die Kurden eingesetzt werden sollte4. Als Gegenleistung für die kooperative Haltung der Türkei im Golfkrieg übersah man in Washington geflissentlich die Angriffe der türkischen Luftwaffe auf die kurdischen Stützpunkte im Irak; zugleich konnten die antikurdischen Todesschwadronen im Südosten der Türkei ungestraft mehr als tausend Zivilisten umbringen. Human Rights Watch, amnesty international und das Europäische Parlament haben wiederholt gegen die eklatanten Menschenrechtsverletzungen protestiert, die von den türkischen Sicherheitskräften begangen wurden.
Durch den Verkehrsunfall am 3. November 1996 kam ans Licht, welche Rolle Abdullah Catli bei der Repression gegen die Kurden gespielt hatte. Im Wrack des Fahrzeugs fanden sich die Beweise für jene Vermutungen, die zahlreiche Journalisten und Menschenrechtsaktivisten seit langem gehegt hatten: Um türkische Dissidenten und kurdische Rebellen zu beseitigen, waren die unterschiedlichen türkischen Regierungen bereit gewesen, Drogenhändler zu decken, Terroristen zu schützen und Mörderbanden zu finanzieren. Oberst Alparslan Türkes bestätigte das umstandslos: "Catli war Mitarbeiter einer geheimen Organisation, die dem Wohl des Staates diente."5
Auch Tansu Ciller, die gegenwärtige Außenministerin, setzte sich für Catli ein: "Ich weiß nicht, ob er schuldig ist oder nicht, aber ich habe stets großen Respekt vor Menschen, die im Namen unseres Volkes, unserer Nation und unseres Staats in vorderster Front standen oder verwundet worden sind."6
Achtzig Mitglieder des türkischen Parlaments forderten eine genauere Untersuchung des Falls und drängten den Generalstaatsanwalt, gegen Tansu Ciller ein Strafverfahren wegen krimineller Machenschaften und Billigung illegaler Aktionen einzuleiten. Sie betonten, durch den Verkehrsunfall von Susurluk biete sich eine einmalige Gelegenheit, den ganzen Komplex der immer wieder vertuschten Zusammenhänge zwischen Attentaten und Waffen- und Drogenhandel aufzuklären. Nach mehrfachen Beratungen wurde die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses von der Mehrheit der regierungstragenden Abgeordneten jedoch abgelehnt.
Der Skandal war natürlich auch für die türkische Presse ein großes Thema. In den vergangenen Jahren wurden allerdings eine ganze Reihe von Journalisten, die sich für die fragwürdigen Beziehungen zwischen Heroinhändlern und hohen Polizeioffizieren interessierten, von den Todesschwadronen umgebracht. Und die Staatsanwaltschaft hat einen äußerst schweren Stand gegen den Druck, der von höheren Stellen ausgeübt wird. Das amerikanische Außenministerium erklärte auf Anfrage, sich zum Susurluk-Skandal nicht äußern zu wollen. Es handele sich dabei um eine ausschließlich innertürkische Angelegenheit.
dt. Edgar Peinelt
1 Siehe Gilles Perrault, "La grotesque et pitoyable fable de la filiere bulgare", Le Monde diplomatique, Mai 1987.
2 Siehe Francois Vitrani, "L'Italie, un Etat de ,souverainete limitee`", Le Monde diplomatique, Dezember 1990.
3 Info-Turk Bulletin, Brüssel, Februar 1993.
4 Info-Turk Bulletin, Brüssel, Dezember 1990.
5 New York Times, 19. Dezember 1996.
6 Ebd.
* Autor von "The Beast Reawakens", einer Arbeit, die sich mit dem Wiedererstarken des Faschismus befaßt. Erscheint im Juni 1997 bei Little Brown (New York).